26/01/2015

Nicht ob, sondern wie

Das Bündnis für nachhaltige Textilien treibt die Branche um – nicht nur in Deutschland. Der Aktionsplan ist für viele Unternehmen nicht gangbar. Das Bündnis ist dennoch nicht vom Tisch. textile network hat recherchiert und nachgefragt. Was ist der Status quo und vor allem wie geht es weiter?

In den Verbänden aus Industrie und Handel ist man einig, dass das Thema Nachhaltigkeit in der textilen Wertschöpfungskette nicht im Alleingang bewältigt werden kann, weder seitens der Unternehmen, noch seitens der NGOs oder der Politik (vgl. dazu textile network 1/2015). Kräfte zu bündeln und Synergien zu nutzen, sei der richtige Schritt, um wirklich etwas bewegen zu können, heißt es von allen Seiten.

Bundesminister Gerd Müller hatte vor einigen Wochen erstmals öffentlich eingeräumt, dass es hinsichtlich des Aktionsplans Missverständnisse gegeben habe. Auf Anfrage von textile network wie der aktuelle Status quo des Bündnisses sei, sagt eine Sprecherin des Ministeriums: „In den vielen Gesprächen, die wir mit Unternehmen und Geschäftsführern führen, wird sehr differenziert und konstruktiv diskutiert. Dabei hilft die Unterscheidung in das Ziel und den Weg dorthin. Die Frage nach dem „Ob“ eines Textilbündnisses für die Wirtschaft stellt sich zusammenfassend nicht. Alle sind sich einig, dass ein solches Bündnis sinnvoll und erstrebenswert ist. Es besteht aber noch Diskussionsbedarf bei der Frage des „Wie“ für den Umsetzungsprozess.“ Hier gelte es, die Wirtschaft mit Argumenten zu überzeugen und, wo erforderlich, auch Anpassungen im Aktionsplan vorzunehmen. „Dies ist nun prioritäres Ziel der Arbeitsgruppen, an denen sich alle Akteure beteiligen können“, sagt die Sprecherin weiter.

Der Aktionsplan werde derzeit einem Realitätscheck unterzogen: „Die Ziele und der Zeitplan sind ambitioniert, aber erreichbar. An den Herausforderungen und großen Schritten wird auch das Textilbündnis wachsen. Zudem ist es wichtig festzuhalten, dass sich alle Beteiligten Zwischenziele setzen und diese kontinuierlich überprüfen und gegebenenfalls anpassen. Wir haben die Messlatte mit den Bündnisstandards und dem Aktionsplan gesetzt, aber wir stellen uns einem fortlaufenden ‚Realitätscheck’ zur Weiterentwicklung des Aktionsplans.“ Dort, wo Anpassungen und Konkretisierungen erforderlich seien, würden diese vorgenommen.

Auch Forderungen, den Geltungsbereich des Bündnisses über die deutschen Grenzen hinaus zu erweitern, kommt das Bundesministerium nach. So adressiere das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) seine Anliegen derzeit auch auf EU- und G7-Ebene und sorge damit nicht nur für eine Verstetigung des Prozesses auf nationaler, sondern auch auf europäischer und internationaler Ebene. „Sowohl in Europa als auch international werden die Ziele des Bündnisses verankert und Kooperationen zur Unterstützung vorangetrieben. So steht das Thema Nachhaltigkeitsstandards ganz oben auf der G7-Agenda in der kommenden EU Präsidentschaft. Außerdem sind wir mit der EU-Kommission und den EU-Mitgliedsstaaten, der OECD und der internationalen Arbeitsorganisation ILO kontinuierlich im Gespräch, um unsere jeweiligen Ansätze zur Förderung sozialer und ökologischer Nachhaltigkeitsstandards miteinander zu vernetzen“, heißt es.

In den Produktionsländern vor Ort ist das BMZ ebenfalls aktiv. In Ländern wie Bangladesch, Pakistan, Kambodscha, China oder Vietnam würde daran gearbeitet, sogenannte Produktionsstätten-Pools aufzubauen. Gemeinsam mit der Wirtschaft würden Vorhaben in den Produktionsländern realisiert, um die oftmals prekären Arbeitsbedingungen der Menschen zu verbessern und Umweltschäden zu minimieren. Themen, die auch im Politikdialog mit den Regierungen dieser Länder erörtert würden.

Für die Verbraucher in Deutschland soll die Erkennbarkeit von nachhaltiger Bekleidung verbessert werden. Dafür soll voraussichtlich Anfang dieses Jahres eine Website online gehen, auf der existierende Siegel und Standards bewertet werden. Ressortübergreifend wird für mehr Transparenz das Verbraucherportal „Qualitätscheck Nachhaltigkeit" entwickelt.

Nachdem Bundesentwicklungsminister Gerd Müller und das Textilbündnis Ende Oktober 2014 und in den darauffolgenden Wochen bei der Masse der Industrie- und Handelsunternehmen einen schweren Stand hatten, findet derzeit ein Aufeinander zugehen statt. Die Stimmung ist nach wie vor angespannt, aber nicht verhärtet. Das Bestreben, einen gemeinsamen Weg in Sachen Nachhaltigkeit in der Textilbranche zu gehen ist erkennbar.

Die Dringlichkeit wird von Unternehmen zu Unternehmen, Verband zu Verband und Partei zu Partei noch recht unterschiedlich interpretiert. Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass der Druck eine gemeinsame Lösung auf freiwilliger Basis zu finden wächst. Denn die öffentlichen Forderungen nach einer gesetzlichen Regelung, sollten der Entwicklungsminister und die Mehrheit der Modeunternehmen nicht bald zu einer Einigung finden, werden immer lauter.

[Jana Kern]

Seit dem Frühjahr vergangenen Jahres diskutieren Politik, Gewerkschaften, Verbände, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Unternehmen aus Industrie und Handel in diversen Treffen und Gesprächsrunden über einen allgemeingültigen Standard für mehr Nachhaltigkeit in der Textil- und Modebranche. Initiiert von Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller wird das Thema mit einem straffen Zeitplan vorangetrieben. So dass am 16. Oktober 2014 nach intensiver Arbeit besagter Aktionsplan vorgestellt wird. Auf knapp 50 Seiten werden darin „verbindliche soziale, ökologische und ökonomische Bündnis-Standards für die gesamte Wertschöpfungskette der Rohstoffgewinnung und der Textil- und Bekleidungsproduktion definiert“.

Rund 60 Gewerkschaften, Verbände, Initiativen, NGOs und Unternehmen sind dem Textilbündnis seit dem beigetreten. Letztere sind in erster Linie Pioniere der Nachhaltigkeits- und Naturtextilszene. Zu den größeren deutschen Unternehmen zählen Vaude, Trigema, Hess Natur und Maas Naturwaren, aber auch der Textildiscounter NKD ist mit von der Partie. Im Dezember neu hinzu gekommen sind vier Textilproduzenten aus Bangladesch, die zusammen einen Jahresumsatz von 580 Millionen Euro erwirtschaften und 35.000 Mitarbeiter beschäftigen.

Tipp: In sehr einfachen und fesselnden Animationen wird hier der GOTS erklärt und deutlich gemacht, dass die Verwendung von Bio-Fasern allein nicht ausreicht, sondern die gesamte Lieferkette betrachtet werden muss:

Hierzu lesen Sie mehr in Teil 1: