03/04/2018 – Forschungsprojekt Slow Fashion

Slow Fashion – ganz langsam ....

Über die Chancen und Hemmnisse für mehr Nachhaltigkeit in der Bekleidungsproduktion und dem Bekleidungskonsum.

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Im Rahmen der ganztägigen Abschlussveranstaltung zu dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt Slow Fashion wurden jetzt im März in Hannover die zentralen Projektergebnisse präsentiert. Nachhaltiger Kleidungskonsum wurde im Rahmen des Projekts dabei als der bewusste (und eingeschränkter) Kauf umwelt- und sozialverträglicher Kleidung verstanden und dies verbunden mit langer Nutzung von Kleidung, inklusive der Weiterverwendung nach Tausch, Kauf aus zweiter Hand oder Upcycling.

Aufgezeigt wurde der Einfluss von Design, Technik sowie geeignete Geschäftsmodelle. Zudem ermittelt wurden die tatsächlichen Marktpotenziale für mehr Nachhaltigkeit im Kleidungskonsum.

Innovationen und Potenziale

Dem Design obliegt eine zentrale Aufgabe, wenn es darum geht mehr Nachhaltigkeit sowohl in der Produktion wie beim Konsum von Bekleidung zu erreichen. Schließlich müssen die Teile langlebiger sein und länger gut aussehen, sprich im Trend liegen (Konsum). Aber auch die Auswahl der verwendeten Materialien sowie der Entwurf des Bekleidungsteils hat auf die Nachhaltigkeit (Produktion) einen erheblichen Einfluss. Beispiele dazu sind etwa „Zero Waste Techniken“, „Upcycling VfL Wolfsburg“ oder auch die massenmarkttaugliche Kreislauffähigkeit von Bekleidung, wie sie an der Hochschule Hannover im Studiengang Modedesign unter der Leitung von Prof. Martina Glomb erforscht wurden.

„Ein Umdenken ist auf der Unternehmensseite notwendig, gleichzeitig müssen Ausbildung und Lehre verändert werden und Nachhaltigkeit fest in den Lehrplänen verankert werden“, so Prof. Glomb. So entstünden in der Bekleidungsherstellung z.B. erhebliche Mengen an textilen Abfällen, zu denen das Design Zugang brauche. Die Kreislauffähigkeit (Cradle-to-cradle) von Bekleidung nannte sie „die Königsdisziplin“ der nachhaltigen Konzepte, da hier sehr viele Akteure mitwirken müssten, sämtliche Prozessschritte aufeinander abgestimmt werden müssen und „das Ende schon am Anfang mitgedacht werden muss“.

Schwachstellen

Welche Schwachstellen stehen bei T-Shirts, Oberhemden, Sweatshirts, Jeans und Radsportjacken einer längeren und damit nachhaltigeren Nutzung entgegen? Dieser Frage ging die Fakultät Textil und Design, Hochschule Reutlingen innerhalb des Forschungsprojektes auf den Grund. Die Lebensdauer von Kleidung hängt zum einen ab von textiltechnischen Faktoren, wie Materialqualität, Garn- und Flächenkonstruktion, Nähte, Farbstoffe und zusätzliche Ausrüstungen. Zum anderen sind die Nutzungsintensität und die Pflege durch die Verbraucher entscheidend. Hierzu Kai Nebel von der Hochschule Reutlingen: „Das A und O für mehr Nachhaltigkeit ist die Nutzungsdauer von Bekleidung und hier ist die Pflege das entscheidende Kriterium."

Wie den Konsum reduzieren?

Mit welchen Geschäftsmodellen können die Unternehmen mit dazu beitragen und die Verbraucher zu einer längeren sowie intensiveren Nutzung ihrer Kleidung animieren? Birte Freudenreich, Centre for Sustainability Management, Leuphana Universität Lüneburg, stellte ein im Projekt entwickeltes Werkzeug zur Entwicklung von Slow Fashion-Geschäftsmodellen vor und ging auf Ansatzpunkte für das Marketing ein. Design für längere Tragbarkeit, Reparatur und Anpassung, Wiedernutzung, Upcycling und modularer Aufbau lauteten die Stichpunkte dazu, aber auch Mehrfachnutzung, wie sie z.B. von „Kleiderei“ angeboten wird, können zur gewünschten Konsumreduktion führen. Eines ist klar: „Slow Fashion bedingt und führt zu Konsumreduktion“, so Freudenreich.

Potenziale für mehr Nachhaltigkeit

Mehr Nachhaltigkeit im Handlungsfeld „Bekleidung“ ist indessen nicht allein durch eine umwelt- und sozialverträglichere Produktion sowie höhere Ressourceneffizienz zu erreichen. Mit dazu gehört unausweichlich auch die Verringerung des Massendurchsatzes von Kleidung bei gleichzeitig längerer Nutzungsphase. Das bedeutet: der gesamte Herstellungsprozess vom Modedesign bis zum fertigen Produkt muss (wieder) auf eine hohe Wertschätzung der Kleidungsstücke, eine lang anhaltende Attraktivität und materielle Nutzbarkeit sowie eine gute Wiederverwertbarkeit ausgerichtet werden.

Um nun herausfinden zu können, wie realistisch die praktische Umsetzung ist wurde im Rahmen des Projekts eine Repräsentativbefragung durchgeführt. So sollten die Diffusionspotentiale für nachhaltige Konsumalternativen ermittelt werden und Ansatzpunkte für die Förderung nachhaltiger Verhaltensweisen im Kleidungsbereich sowie relevante Zielgruppen für (Social) Marketing-Maßnahmen identifiziert werden. Dr. Silke Kleinhückelkotten, Geschäftsführerin des Ecolog-Institut für sozial-ökologische Forschung und Bildung: „Konsumenten aus den gut gebildeten und einkommensstarken sozialen Milieus, die sich durch ein hohes Konsumniveau bei gleichzeitiger Offenheit für nachhaltig produzierte Kleidung auszeichnen sind eine wichtige Zielgruppe."

Nachhaltiger Konsum

Als Ansätze zur Förderung eines nachhaltigen Kleidungskonsum nannte sie ein vertrauenswürdiges Siegel, transparente Informationen zum Produktionsprozess z.B. via QR-Code, eine größere Auswahl an öko-fairer Kleidung, attraktive Geschäfte in attraktiven Lagen, (Social) Marketing für öko-fairen Kleidungskonsum.

Um eine längere Nutzungsdauer und damit eine Einschränkung des Neukaufs zu erreichen sollten laut Silke Kleinhückelkotten folgende Punkte berücksichtigt werden: gute Kombiniermöglichkeit, zeitloses Design, Rücknahme der Kleidung durch den Händler, Verkauf von Second-Hand und Neuware in selben Geschäften, (Social) Marketing für Slow Fashion.

Tauschen und Leihen

Potentiale für eine verstärkte Nutzung von Angeboten zum Tauschen und Leihen von Kleidung sowie zum Kauf von Kleidung aus zweiter Hand gibt es vor allem in jüngeren Milieus. Prof. Dr. Gundula Hübner, MSH Medical School Hamburg: „Wir müssen unser Verhalten verändern und uns dazu zunächst selbst die Frage stellen „Wie ticken wir und wie können wir das nutzen um uns zu verändern?" Die Bedeutung der sozialen Norm als Einflussfaktor für den Kleidungskonsum sei dabei nicht zu unterschätzen. Und stets gelte es die individuellen Motivationen und persönliche Nutzen der Konsumenten zu beachten, wie etwa Spaß beim Tausch und Kombinieren, gesundheitliche Vorteile, Status.

Offene Diskussion in drei parallelen Foren

Viele offenen Fragen

In drei parallelen Foren am Nachmittag wurden mit den rund 60 Teilnehmer aus Unternehmen, Wissenschaft, Verbänden, Behörden und Medien unter anderem folgende interessante Fragen diskutiert:

  • Wie können Verbraucher dafür gewonnen werden, ihren Kleidungskonsum nachhaltiger zu gestalten?
  • Wie kann die Umsetzung von Nachhaltigkeitsinnovationen im Design- und Produktionsprozess gefördert werden?
  • Was können Erfolgs- und Misserfolgsfaktoren für Slow Fashion Geschäftsmodelle sein?

Hierzu gab es jeweils Diskussionsimpulse aus der Praxis. So wurde unter anderem darüber diskutiert, ob die Politik und die Unternehmen die richtigen Rahmenbedingungen für eine umwelt- und sozialverträgliche Produktion setzen bzw. entsprechend hergestellte Produkte anbieten müssten? Die Verantwortung dürfe hier nicht den Konsument aufgebürdet werden, da diese damit überfordert seien. Betont wurde die Bedeutung von Bildungsangeboten in Schulen, gerade wenn es darum geht, einen anderen Konsum im Sinne einer längeren Nutzung und einer Einschränkung des Neukaufs (Suffizienz) zu vermitteln. In der Kommunikation mit den Verbrauchern sollten vor allem positive Beispiele herausgestellt werden.

Und worin liegen die besonderen Herausforderungen vor denen (junge) Slow Fashion Unternehmen stehen? Essentiell ist, so die Erfahrung teilnehmender Unternehmer, der Aufbau persönlicher und vertrauensvoller Beziehungen zu Kunden und Geschäftspartnern.