04/09/2017 – Docuemnta 14

Ausflugstipp für Kurzentschlossene

Noch bis zum 17. September findet in Kassel die maßgeblichste Kunstausstellung der Welt statt. Einige der Exponate widmen sich dem Thema Textil.

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Nach einer langen Reise nach Athen ist die Documenta zurück in Kassel. Adam Szymczyk, künstlerischer Leiter der Documenta 14, hat wie seine VorgängerInnen komplette Freiheit und ein Budget ohnegleichen, um eine Ausstellung zu entwerfen, die den Zustand der Welt reflektiert und den Status der Kunst zeigt.

Erst Athen (8.4.- 16.7.2017) und damit Ort einer aktuellen, ganz offensichtlichen Krise und gleichzeitig Ursprung unserer westlichen Zivilisation. Nun noch bis 17.9.2017 Kassel, wo es den Besuchern insgesamt nicht besonders leicht gemacht wird, sich zu orientieren oder einen roten Faden der Kunstausstellung zu erkennen.

Einige interessante Exponate mit Fokus Textil haben wir entdeckt und stellen Ihnen diese hier kurz vor.

Fundi (Aufstand, 2017) von Akoubar Fofana, Documenta Halle

Textilien auf der Grundlage von Naturfasern, gefärbt in organischem Indigo in Bamako und Athen

Aboubakar Fofana, geboren 1967 in Mali, verließ Afrika schon in jungen Jahren, um sich in Paris niederzulassen. Sein ursprüngliches Interesse galt der Kalligrafie. Fasziniert von Zeichen und Spuren griff er auf westliche wie östliche Traditionen zurück, um ein Meister seines Fachs zu werden. Er fragte sich, ob Afrika nicht Ähnliches zu bieten habe, als ihm durch mehrere Zufallsereignisse ein Schatz mit Schriften des Kontinents in die Hände fiel. Diese vielfältigen schriftlichen Ausdrucksformen – manche alt, manche modern – bildeten die Basis für seine erste große Ausstellung, die der romantischen Vorstellung entgegentrat, alle afrikanischen Gesellschaften gehörten mündlichen Traditionen an. Gleichzeitig spiegelte die Ausstellung die spirituelle Hinwendung des Künstlers zu Afrika als Quelle der Inspiration wider. Und dann erinnerte sich Fofana an eine Pflanze, die er als kleiner Junge im Wald gesehen hatte, eine Pflanze mit gewöhnlichen grünen Blättern, die beim Zerreiben die Finger blau färbten. ...

Fermentierte Indigoküpe

Er kehrte nach Westafrika zurück und unternahm ausgedehnte Reisen in der Region, auf der Suche nach Menschen, die ihn lehren konnten, eine fermentierte Indigoküpe herzustellen. Doch diese Fertigkeit war bereits vor seiner Geburt verloren gegangen und durch chemische Farbstoffe ersetzt worden. Nur Bruchstücke dieses Wissens waren noch vorhanden. Einen großen Teil der gesuchten Informationen fand Fofana in einer Bibliothek in Paris, in Form von Berichten aus der Zeit vor der Unabhängigkeit, die auf trockenen Blättern das westafrikanische Alltagsleben beschrieben. Viele Jahre pendelte der Künstler zwischen diesen Welten, sammelte fragmentarisches Wissen an beiden Orten und versuchte, es praktisch umzusetzen.

Im Einklang mit den Kräften der Natur

Das greifbare Ergebnis seiner Bemühungen entspringt einer spirituellen Praxis, die getragen ist von einem elementaren Glauben an die göttliche Natur – das ist auch die Art, wie Fofana seine Mitmenschen an dieser Praxis teilhaben lässt. Seine Fähigkeiten haben sich über Jahrzehnte entwickelt, in denen er lernte, im Einklang mit den Kräften der Natur zu handeln, und so prägen auch seine Materialien, ihre Eigenschaften und Beschränkungen, alle Aspekte seiner Arbeit. Seine Indigoküpen sind lebendig. Sie enthalten nur wenige Bestandteile und keinerlei Chemikalien – die Farbe wird allein durch die zerstoßenen, getrockneten Indigoblätter erzeugt. Bakterien, in der Küpe sorgsam herangezogen, schließen das Pigment Indigotin in den Blättern auf und reduzieren es zu einer Form, in der es direkt auf dem Stoff oxidieren kann.

Fofanas Werk ist als bewusster Versuch zu verstehen, seine Techniken und Materialien ebenso zu bewahren und zu schützen wie das Umfeld und die Philosophien, die sie hervorgebracht haben. Die natürliche Welt in Kombination mit unseren menschlichen Fähigkeiten ist für ihn unser aller Anfangs- und Endpunkt zugleich.

Historja (2003–07) von Britta Marakatt-Labba, Documenta Halle

Stickereien, Druck, Applikationen und Wolle auf Leinen, 39 cm × 23,5 m

Britta Marakatt-Labba wurde in Idivuoma, nahe Kiruna in Nordschweden geboren. Sie wuchs in enger Vertrautheit mit der kollektiv betriebenen Rentierzucht auf und dieses Gefühl von Bewegung und Migration durchdringt ihre Textilarbeiten. Ein charakteristisches Merkmal von Historja ist der gewellte Horizont (für die Sami heilig). Eine Prozession von Tieren schreitet aus dem Wald - hier wird eine komplette Geschichte dargestellt, eine Geschichte, die im Sami-Kosmos beginnt und endet. (Die Samen sind ein indigenes Volk im Norden Fennoskandinaviens).

Slumber (1994) von Janine Antoni, Fridericianum

Ahron-Webstuhl, Wollgarn, Bett, EEG-Maschine, Ausdrucke der REM-Werte der Künstlerin auf Computerpapier und sieben Nachthemden, die zu einer 40 m langen Decke verwebt wurden. 1993 und 2000 schlief die Künstlerin in diesem Bett, während ein Elektroenzephalograf ihre Augenbewegungen aufzeichnete. Tagsüber saß Antoni am Webstuhl und webte zerrissene Fetzen ihrer Nachthemden im Muster ihrer REM-Aufzeichnungen. Diese Sektionen, während des Träumens aufgezeichnet, sind in die Decke hineingewebt.

Was wäre, wenn es sich nach seiner Rückkehr nach Ithaka herausgestellt hätte, dass die legendenumwobenden Abenteuer des Odysseus nie stattgefunden hätten und stattdesse n nur und tatsächlich Penelopes Träume gewesen waren, die "Monstren der Psyche", die Janine Antoni beschreibt?

Bottari (2005) von Kimsooja, Fridericianum

Traditioneller koreanischer Bettüberwurf, getragene Kleidung, Maße variabel, Nationales Museum für Zeitgenössische Kunst, Athen (EMST), zugesagte Schenkung der Künstlerin

Kimsooja began 1992, während ihrer Künstlerresidenz am MoMA PS1, Bottari (koreanisch für “Bündel”) zu binden; seitdem ist sie in ihrer künstlerischen Entwicklung immer wieder zu ihnen zurückgekehrt und hat sie als Signatur genutzt: jedes Mal in einer ortspezifischen Manier in Reaktion auf die persönlichen und sozialen Bedingungen, die sie in ihrer Umgebung vorfand.

Traditionell und bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein wurden Bottari in Korea zusammengestellt, indem die wichtigsten Besitztümer einer Person in ein Stück Tuch gewickelt wurden (in Kimsoojas Werk benutzte Bettwäsche), oft zu einem Zeitpunkt, an dem diese Person einen gebürtigen Ort verlassen musste.

Kimsooja zufolge ist „Heimat kein geografisch definierbarer Ort, sondern ein Bewusstseins- und Zugehörigkeitszustand.“ Wo auch immer Kimsooja sich aufhält, ist ihr Körper sowohl Atelier also auch Zuhause. Für ihre Installation im Fridericianum hat Kimsooja ihre existierenden Bottari modifiziert. Zu den schon existierenden benutzten Kleidungsstücke aus Athen kommt weitere getragene Kleidung aus Kassel. Kimsooja platziert die Bottari an drei unterschiedlichen Orten in der Ausstellung – in Reaktion auf historische und formalistische Kontexte, aktuelle soziale oder politische Themen, sowie auf den physischen Raum der Ausstellung.

 

(Das Fridericianum, sonst Hauptausstellungsort der Documenta, ist in diesem Jahr der Kunst des Athener Museums EMST überlassen, das aus Geldnot lange Zeit nicht eröffnet wurde.)