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26/04/2018 – Meinung

Auf die Plätzchen, fertig ... ?

Der Hang der Branche zu Stars und Sternchen treibt mitunter seltsame Blüten. Gilt Kreativität und Fachwissen gar nichts mehr?

Senta Berger als Testimonial für Tapeten, Sängerin Nena "entwarf" poppige Tapeten und rockte für einen Abend die Messe Heimtextil. Barbara Schöneberger zeigt ihr schönes Gesicht für Wandbekleidung - und sicher auch für gutes Geld. Und nicht zu vergessen Dieter Bohlen - ein Mann, der auch wegen seiner Neigung zu häuslicher Gewalt immer wieder in die Schlagzeilen geraten war, durfte sein Konterfei herzeigen für einen deutschen Tapetenhersteller. Trautes Heim ...

Doch damit nicht genug - jetzt wird auch noch gekocht

Das Deco Team, eine Interessengemeinschaft führender deutscher Möbel- und Dekostoff-Hersteller und -Verleger, hat auf der diesjährigen weltgrößten Messe Heimtextil die Befindlichkeiten dieser Branche mit dem Fernsehkoch Klaus Hermann und mit Enie van de Meiklokjes diskutiert. Wenn Énie van de Meiklokjes auf einem Privatsender ihre Törtchen mit schrägen Fascinaters im Haar mit dem Slogan "Auf die Plätzchen, fertig back" bewirbt, ist das ja vielleicht für manchen ganz niedlich. Okay, sie hat auch mal, Zitat: "Unter Anleitung von Profis", ebenfalls auf einem Privatsender, Zimmer dekoriert. Aber ...

Gilt Kreativität und Fachwissen heute denn gar nichts mehr?

Müssen Frauen und Männer, die ihren Job von der Pieke auf gelernt haben, die frühzeitig die Trends erkennen und in der Lage sind, diese professionell und kommerziell umzusetzen und somit auch den Unternehmen zu ihrem finanziellen Erfolg verhelfen, sich immer häufiger hinter Stars und Sternchen verstecken?

Blick ins europäische Ausland

In Großbritannien stehen indessen nicht nur die Großen der Branche wie Tricia Guild, Nina Campbell, William Yeoward, Andrew Martin, Anoushka Hempel, um nur einige zu nennen, auch international sehr erfolgreich für ihre Kreationen. Britische Teppichhersteller zeigen stolz ihre Designer wie Jan Kath, Michaela Schleypen oder Jürgen Dahlmanns.

The Rug Company präsentierte auf der imm in Köln ihren neuen Designer Sebastian Herkner der Öffentlichkeit. Und selbst mittelständische bis kleine britische Anbieter von Tapeten und Heimtextilien agieren selbstbewusst mit den Namen ihrer Macher wie Louise Body, Margo Selby, Maxine Hall ...

Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Undenkbar auch, dass Franzosen oder Italiener glauben, sie müssten ihre großartigen, ästhetischen Produkte mit (B- und C-) Promis "aufwerten".

Der Verband der Deutschen Heimtextilien-Industrie (Heimtex) hat immerhin mit viel Aufwand und der Unterstützung von namhaften Unternehmen einen Wettbewerb für Architektur- und Design-Studenten in Universitäten und Hochschulen gestartet. Doch was nützt das, wenn diese Besten sich später, im Berufsleben, hinter "Pseudo-Kreateuren" verstecken müssen? Auch Martin Auerbach, Hauptgeschäftsführer Heimtex wünscht sich für unsere Branche mehr Selbstwertgefühl.

Es wird allerhöchste Zeit, dass all die Designer aus dem Schatten heraustreten, dass ihre Bedeutung für den Interior-Markt stärker wahrgenommen wird, dass die Industrie ihren kreativen Köpfen die Achtung und Anerkennung zollt, die ihnen gebührt.

P.S.: Unser Interview mit Martin Auerbach lesen Sie in der Print-Ausgabe textile network 3-4 2018. Ein kostenloses Probe-Exemplar können Sie HIER bestellen.