22/02/2015

Textile Faserzucht

Man denkt bei Bakterien und Pilzen eher an die Zersetzung als an die Herstellung von textilen Materialien. Und doch sind es genetisch modifizierte Mikroorganismen, die der Textilindustrie einen nachhaltigen Weg in das post-fossilen Zeitalter eröffnen könnten. Diesem Thema widmete sich im letzten September u.a. auch die Chemiefasertagung im österreichischen Dornbirn. Das Wissen um die Rohstoffprobleme treibt die Textilfaserindustrie seit Jahrzehnten um. Echte Alternativen jedoch fehlten – bis jetzt. Die Biotechnologie könnte eine neue Ära einleiten. Im Labor liefern Mikroorganismen bereits maßgeschneiderte Biopolymaterialien.

Zu den Referenten gehörte Dr. Timo R. Hammer. Der Biologe ist Forschungsleiter des Fachbereichs Hygiene, Umwelt & Medizin der deutschen Hohensteiner Institute in Bönnigheim und präsentierte erste Forschungsergebnisse zu Alginatfasern und mikrobiell produziertem Chitosan. In seiner Abteilung dreht sich derzeit alles um nassgesponnene Biopolymerfasern. Ziel ist es, Mikroorganismen derart zu nutzen und zu „programmieren“, dass sie neue Biomaterialien für textile Fasern, Garne oder Flächen produzieren. Enzyme dagegen können die Herstellung und die Eigenschaften von Fasern, Garnen und Textilien beeinflussen. So ließen sich natürliche Fasern mit den Eigenschaften synthetischer Fasern designen. Die Aufwendungen für Anbau und Ernte entfielen.

Schon jetzt haben die Hohensteiner zusammen mit Partnerfirmen erste Fasern aus biotechnologisch hergestellten Alginaten entwickelt und „charakterisiert“. Die Monomere der Alginatpolymere sind so modifiziert, dass stabile nassgesponnene Fasern mit einer außergewöhnlich hohen Wasseraufnahmefähigkeit entstehen. Auch dem Biopolymer Chitosan hat man sich gewidmet. Es ist seit langem im Markt bekannt und auch in textile Fasern wie der Tencel C vom österreichischen Faserkonzern Lenzing eingebracht. Chitosan gewinnt man aus der Schale von Krabbentieren und schätzt es wegen seiner antibakteriellen, hautpflegenden Wirkung.

Der biotechnologische Ansatz zielt darauf ab, aus Pilzkulturen ein hochreines, antiallergisches und proteinfreies Chitosan zu gewinnen, das man zudem für spezielle Einsatzbereiche „umprogrammieren“ könnte. Doch anders als die Pharmazie oder die Lebensmittelbranche stehe die Textilindustrie noch am Anfang, dämpft Dr. Timo Hammer die Erwartungen. Doch in weniger als fünf Jahren, so sagt er, könne es plötzlich ganz schnell gehen mit der Überführung aus den biotechnologischen Grundlagen in die industrielle Anwendung.

[Regine Hövelmann]