23/08/2022 – Interview mit Oliver Spöcker von Lenzing

CO2-neutrale Fasern für Schutz- und Arbeitskleidung

Mit Textil Santanderina und Klopman stellte Lenzing auf der Techtextil 2022 in Frankfurt sein neues CO2-neutrales Lenzing FR-Faserangebot für Schutzkleidung sowie Einsatzbereiche für seine Carbon Zero Tencel Faser bei Arbeitsbekleidung vor. Oliver Spöcker, Director of Protective Wear & Workwear bei Lenzing, erläutert im Gespräch mit textile network, weshalb CO2-Neutralität bei Schutz- und Arbeitskleidung gefragt ist und in welchen Anwendungsgebieten die neuen Fasern von Lenzing zum Einsatz kommen.

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Die CO2-neutrale Lenzing FR-Faser kommt vor allem bei Feuerwehr-Bekleidung zum Einsatz. © Lenzing

 
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„In der Workwear-Branche ist CO2-Neutralität bisher eher stiefmütterlich behandelt worden.“ – Oliver Spöcker, Director of Protective Wear & Workwear bei Lenzing. © Lenzing

 

textile network: Herr Spöcker, wie sind denn die Partnerschaften mit Klopman und Textil Santanderina in Bezug auf CO2-neutrale Workwear überhaupt zustande gekommen?

Oliver Spöcker: Gerade im Bereich Workwear und Schutzkleidung war bisher CO2-Neutralität kein wichtiges Thema. Wir sehen uns hier als Vorreiter, um diesen Grundgedanken der Nachhaltigkeit in der Industrie voranzutreiben. Dafür haben wir Partner gesucht und diese in der Firma Klopman aus Italien und der Firma Textil Santanderina aus Spanien gefunden. Mit beiden Unternehmen arbeiten wir schon länger zusammen und sind nun gemeinsam das Thema Protective Wear und Workwear angegangen.

In Hinblick auf die Techtextil haben wir uns dafür entschieden, das Thema CO2-Neutralität in den Mittelpunkt zu stellen. Etwa ein halbes Jahr vor Beginn der Techtextil haben wir Klopman und Textil Santanderina kontaktiert. Sie haben dann ein Konzept und Produkte mit CO2-neutralen Fasern von Lenzing entwickelt – also CO2-neutrale Gewebe für die Schutz- und Arbeitsbekleidung.

Die Techtextil ist im Übrigen eine ganz wichtige Messe für uns, denn sie bringt die gesamte Lieferkette zusammen. Das war auch der Grund, warum wir die Techtextil als die Leitmesse gewählt haben, um unsere Neuvorstellungen für Workwear zu präsentieren.

In der Workwear-Branche ist das Thema CO2-Neutralität bisher etwas stiefmütterlich behandelt worden.

textile network: Zuvor gab es keine CO2-neutralen Fasern im Bereich Workwear?

Oliver Spöcker: Ja, das ist korrekt. Vor zwei Jahren haben wir die CO2-neutrale Faser Carbon Zero Tencel eingeführt. Diese wurde aber bisher ausschließlich für die modische Bekleidung verwendet. Im Bereich Workwear ist das jetzt neu. Dort wird bisher ja hauptsächlich Polyester eingesetzt bzw. ein Polyerster-Baumwolle-Gemisch. Wir sind mit unserer Tencel-Faser schon vor zehn Jahren in diesen Bereich vorgedrungen. Die Tencel-Faser allein ist schon ein großer Schritt vorwärts in Richtung umweltfreundlichere Produkte, auch im Vergleich zu Baumwolle. Gegenüber der Baumwollfaser bietet die Tencel Lyocell-Faser nämlich einige Vorteile, was die Umweltfreundlichkeit betrifft. So ist z. B. das Ursprungsmaterial für all unsere Fasern Holz.

Bei Polyester ist ein Trend in Richtung recyceltes Polyester festzustellen. Ein Mischgewebe aus recycelten Polyester-Fasern und Carbon Zero Tencel Fasern hat die Firma Klopman nun mit uns zusammen entwickelt.

textile network: Wie sind sie darauf gekommen, CO2-neutrale Fasern für Workwear anzubieten? Herrscht eine hohe Nachfrage seitens Ihrer Kunden? Oder haben sie von sich aus gesagt, wir machen das jetzt einfach und bieten es an?

Oliver Spöcker: Beides. Mit unseren neuen Produkten sind wir auf offene Ohren gestoßen. Vor allem von Seiten der öffentlichen Beschaffung gibt es großes Interesse. Zur öffentlichen Beschaffung gehört z. B. die Feuerwehr, das Militär oder auch der öffentliche Bedarfsträger. Alle versuchen, bewusster einzukaufen.

textile network: Inwiefern unterscheidet sich die Lenzing FR Faser von der Carbon Zero Tencel Faser?

Oliver Spöcker: Lenzing FR ist eine hochfeste Viskosefaser mit einem Flammschutzpigment, das während der Produktion in die Faser inkorporiert wird, damit diese nicht brennt. Lenzing FR ist also für die schwer entflammbare persönliche Schutzausrüstung gedacht. Sie wird in drei Gebieten angewandt: Feuerwehr, Militär und Polizei sowie die Anbindung an die Industrie, die im Übrigen einen großen Aufschwung erlebt hat. Da gab es bisher nur synthetische Fasern. Unsere Lenzing FR Faser basiert hingegen auf Holz.

Die Tencel Carbon Zero kommt vor allem bei Workwear zum Einsatz.

textile network: Was plant Lenzing in den kommenden Jahren im Bereich Arbeits- und Schutzkleidung? An welchen Projekten arbeiten Sie im Moment?

Oliver Spöcker: Ein Hauptschwerpunkt unseres Geschäftes in den letzten Jahren ist die Ausstattung von öffentlichen Bedarfsträgern wie die Feuerwehr. Wir bzw. unsere Kunden sind immer dann gefragt, wenn es Krisen, Kriege und Naturkatastrophen gibt wie jetzt aktuell bei den Waldbränden in Südeuropa, aber auch in Kalifornien. Mittlerweile ist unsere Lenzing FR Faser praktisch bei jeder Feuerwehrbekleidung im Einsatz in vielen verschiedenen Ländern. Das liefert Möglichkeiten für die weitere Entwicklungen. Ein großes Thema zurzeit ist High Visibility – also schwer entflammbare Fasern und Gewebe in Leuchtfarben.

Wir arbeiten daran, immer bessere und leichtere Produkte zu entwickeln – und das kann man nur gemeinsam in Partnerschaft erreichen.

textile network: Herr Spöcker, vielen Dank für das Gespräch!