19/09/2022 – Im Gespräch mit Michael Ernst

Stand-alone-Systeme vs. 2D-3D-Integration

textile network sprach mit Michael Ernst, dem Experten in Sachen 3D-Produktentwicklung, über aktuelle und zukünftige technologische Entwicklungen in der Fashion-Branche.

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Rendering: 3D-Inhalte übertragen aus der CAD und exportiert als qualitativ hochwertige Bilder. © Hochschule Niederrhein/Mylene, Belgien

 
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Prof. Dr. Ing. Michael Ernst: „Im Transfer von der digitalen Welt in die reale bei Design, Produktentwicklung und Planung sowie Merchandising liegt die Herausforderung. Denn am Ende geht es um reale Produkte, die der Kunde kaufen soll.“ © Hochschule Niederrhein

 

Er ist ein Mann der Lehre und der Forschung, und doch hat er sich nie in den Elfenbeinturm zurückgezogen. Er arbeitet intensiv mit Bekleidungsunternehmen zusammen und bindet diese aktiv in seine Projekte ein. Seine Top-Domäne: 3D-Systeme, Lösungen und Anforderungsprofile für alle Bekleidungssparten. Und wenn es den einen Experten gibt, der weiß, was der Markt aktuell hergibt, dann ist es Prof. Dr.-Ing. Dipl.-Ing. Michael Ernst. In Klausur zum Schlüsselthema 3D-Produktentwicklung wollte Yvonne Heinen-Foudeh von ihm wissen, wohin die Reise für die Fashion-Branche unter technologischen Gesichtspunkten gehen kann, mit Blick auf Aus- und Weiterbildung und weitere Schlüsselaspekte.

textile network: Im Gesamtszenario des anstehenden fundamentalen Wandels im Bekleidungsmarkt: Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach bis dato Technologie-Anwendungen?

Michael Ernst: Vor allem auch Pandemie-bedingt hat die virtuelle Produktentwicklung an Fahrt aufgenommen. Digitale Technologien haben ja schon vor langer Zeit Einzug in die Unternehmen gehalten – insbesondere die Integration der 3D-Produktentwicklung tut sich jedoch sehr schwer. Dies hängt einerseits mit der stetigen kritisch beäugten Weiterentwicklung zusammen. Andererseits reflektiert das Zögern die Angst vor dem Neuen, der Veränderung und sicherlich begründeten Befürchtungen. So bringt eine gewinnbringende Implementierung zunächst das Umdenken in den Prozessen zwingend mit sich. Dazu kommt die Notwendigkeit zu Ablaufänderungen auch mit internationalen Partnern entlang der kompletten Kette.

Viele Unternehmen haben dann leider begonnen, das Pferd von hinten aufzuzäumen – dominiert von der Vision, high end gerenderte Bilder für Marketing und Handel an erster Stelle zu sehen. Wenn allerdings nur Bildchen und Fertigmaßtabellen an Lieferanten gesendet werden, wo soll dann die 3D-Simulation des Produktes herkommen? Gleich mit auslagern und einfach anfordern? Ein schlechter Start für die 3D-Produktentwicklung, da vor Auslagerung erst einmal die Auseinandersetzung im Unternehmen stattfinden sollte. Es gilt zunächst, In-house-Expertise aufzubauen. Expertenwissen, das jedoch auch in anderen Bereichen der Produktentwicklung zwar zwingend erforderlich, leider jedoch häufig nicht mehr vorhanden ist.

textile network: Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht der Endverbraucher im Zuge des anstehenden Wandels in den Lieferketten für Bekleidung?

Michael Ernst: In der Tat wird der Wandel bestimmt sein von einem weitaus stärkerem Umdenken bei den „Konsumenten“. Dies im Sinn von Wertigkeit und Wertschätzung gegenüber den Produkten. Bis dato entscheidet doch meistens der Preis. Solange es z. B. eine Bluse in der Spanne von 5 bis 3.000 Euro gibt und das Gefühl für die Qualität der Materialien, der Verarbeitung und der Passform nicht (wieder) in das Endverbraucher-Bewusstsein vordringt, wird sich daran nichts Wesentliches ändern. Auch das sogenannte Micro Factory-Prinzip wird dies nicht so einfach bzw. dauerhaft umkehren.

textile network: Wohin kann bei allem anstehenden und erforderlichen Wandel dann die Reise für die Bekleidungsunternehmen, kurz- und langfristig, gehen? Sie sprechen innovative Geschäftsmodelle an. Erwarten Sie, dass verstärkt völlig neue Player im weltweiten Fashion-Business auf den Plan treten?

Michael Ernst: Ohne Frage werden völlig neue Player auf der Bühne erscheinen. Die Übernahme des Berliner Start-ups Fit Analytics durch Snapchat oder von Presize durch Facebook/Meta bilden zwei aktuelle Vorzeichen. Aber auch auf Seiten der Tech-Anbieter für Fashion steht die Entwicklung keinesfalls still. Betrachten wir zum Beispiel TG3D: Das Taiwanesische Unternehmen bietet mit seinen Tools von Body Scanning, 2D-3D-Programm, Fabric Scanner bis hin zur Online Shopping Plattform mit MTM-Ansatz ein komplettes virtuelles Produktentwicklungs-Portfolio an. Ein flexibles Konzept, das schnelle Reaktion auf Anforderungen bietet.

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